Wie strapaziös Nachfolge sein kann

In dem autobiografischen Buch „Titos Brille“ der Berliner Schauspielerin Adriana Altaras kann man etwas über vertrackte Nachfolgefälle erfahren. Auch wenn es hier nicht um Unternehmensnachfolge geht, so geht es doch um das verflixte Erbe, unentdeckte Qualitäten und verborgene Geheimnisse, denen Nachfolger im Allgemeinen so begegnen. Adriana erbt die Wohnung ihrer Mutter. Aber sie erbt nicht allein. Adriana Altaras ist eine in Zagreb geborene bekannte deutsch-jüdische Schauspielerin, hat einen westfälischen Ehemann, der ihre jüdischen Neurosen mit Gleichmut erträgt und sprüht nur so vor Witz und Charme, selbst dann, wenn in diesem Erbe ihr keineswegs immer zum Lachen zumute sein konnte.

Kostprobe: „Erbschaften sind eine vertrackte Geschichte. Der Tod meiner Eltern hat nicht nur ein Loch hinterlassen, er wirft auch ein völlig neues Licht auf Themen, die mir bisher gleichgültig waren: Nachfolge antreten, Staffelstab übernehmen, erben. Bis vor Kurzem habe ich mir über das Erben kaum Gedanken gemacht. Jetzt verfolge ich die Lebenswege der Grimaldis und anderer Königshäuser mit Interesse. Sehe, wie Stephanie und Caroline bemüht sind, das Ansehen ihrer Mutter zu erhalten, und es nicht schaffen. Und wenn die Queen einmal stirbt, wird es der arme Charles auch nicht leicht haben. Die Sommer verbringen sie in ihren Sommerresidenzen, die Winter in Schweizer Chalets. Alles geerbt. Erst jetzt fällt mir auf, dass auch sie unbekannte Brüder, geheime Geliebte und haufenweise Twinsets geerbt haben müssen. Ich teile mein kleines Schicksal mit den Großen Europas…“ Und dann kommt die Schwester noch mit einem Anwalt, der alles kompliziert und langwierig macht, nach noch nicht bekannten Werten forscht und alle Quittungen sehen möchte. Sie drängt ihre Schwester, zu einem Abschluss zu kommen. Doch diese antwortet nur: „Lass doch, Nana. Solange der Anwalt arbeitet, ist Papa noch bei uns!“.

Was uns wieder zeigt, dass nicht jeder Berater eine Hilfe ist und dass man solche Turbulenzen auch mit viel Humor ganz gut aufarbeiten kann. Qualitätsurteil: Sehr empfehlenswert. Amüsant und Kurzweilig.

Buchtipp: Adriana Altaras, Titos Brille, die Geschichte meiner strapaziösen Familie. Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage 2011.

Michael Wörle
Unternehmensberater, Wirtschaftsmediator
VUN-Profil

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