Geschenkt! – Wirklich geschenkt?

Typische Probleme bei „einfachen“ Nachfolgeregelungen innerhalb der Familie

Vater und Sohn waren sich schnell einig. Sohn Hans Amboss (Name geändert) sollte den als Einzelunternehmen geführten Metall-Handwerksbetrieb in die dritte Generation führen. Das war 2003, Hans war 32 Jahre alt und hatte nach seinem Abschluss als Meister schon einige Zeit im Betrieb mitgearbeitet.

Die Modalitäten waren schnell geregelt: Der Sohn übernahm die Betriebsimmobilie bestehend aus Werkstatt, Laden, Unternehmerwohnung und „Austragshäusl“, wie die Altenteilerwohnung in Bayern genannt wird. Er übernahm auch die Schulden (die waren in durchaus ansprechender Höhe vorhanden), gewährte den Eltern ein lebenslanges Wohnrecht, verpflichtete sich, einen „Austrag“, also eine Leibrente in Höhe von ca. 1.000 € je Monat zu bezahlen (das entsprach in etwa dem Bedarf der Senioren) sowie dazu, die Kosten für Telefon, Strom und Heizung der Senio-ren zu übernehmen.

Um die Erfahrung der Eltern zu nutzen (Vater in der Werkstatt, Mutter im Laden und im Büro) wurde vereinbart, beide anzustellen zu einem Gehalt von knapp 1.000 € zusammen pro Monat.

Soweit – so schlecht. Denn in der Folge kamen einige Probleme zu Tage, die bis heute andauern und die den Familienfrieden nachhaltig gefährdet und letzten Endes zerstört haben:

Die Ertragslage war vor der Übergabe schon nicht besonders gut und der Sohn konnte den Kapitaldienst und die Kostenbelastung im Zuge der Übernahme nicht erwirtschaften. Dadurch stieg die Verschuldung weiter an, bis die Bank der Meinung war, der Beleihungswert der Immobilie sei nun ausgeschöpft. Die Mitarbeit der Eltern erwies sich zunehmend schwierig. Sohn und Schwiegertochter wollten Veränderungen durchsetzen und erzeugten so Widerstand bei den Eltern, die diese Ver-änderungen aktiv boykottierten. Überlagert wurde das Ganze durch einen (typischen?) Schwiegermutter – Schwiegertochter-Konflikt, der mit dem Eintritt der Enkelin als Auszubildende noch eskalierte.

Die kontrovers und immer emotional geführten Diskussionen gewannen an Schärfe. Der Vorwurf der Eltern:  Die Kinder sind undankbar, haben den schönen Betrieb heruntergewirtschaftet und wollen nun die Höhe des Austrags und der Gehälter in Frage stellen. Der Gipfel: Die Jungen wollen nicht mehr, dass wir mitarbeiten – sie wollen uns also endgültig auf das Abstellgleis schieben.

Der Nachfolger mit Ehefrau glaubte erkannt zu haben, dass er seinerzeit einen zu hohen Preis für den Betrieb bezahlt habe, der zu einer nicht zu erwirtschaftenden Kostenbelastung führte.

Die Fronten sind nun verhärtet. Aufgrund der räumlichen Nähe können sich Alt und Jung auch nicht aus dem Weg gehen und die Störung des Familienfriedens wird tagtäglich schmerzlich erlebt.

Was lernen wir daraus?
Auch bei einer Nachfolge innerhalb der Familie muss über den Wert des Unternehmens und darüber gesprochen werden, ob die Gegenleistung dem Wert des Unternehmens entspricht. Der Wert eines Unternehmens orientiert sich nicht am Wert der Immobilie, nicht an der Höhe der vorhandenen Schulden und nicht an der erforderlichen Altersversorgung der Senioren. Einziger Maßstab ist die Ertragskraft des Unternehmens. Nachfolger aus der Familie müssen sich das Unternehmen durch die Brille eines externen Investors betrachten, um für sich entscheiden zu können, ob und ggfs. zu welcher Gegenleistung eine Übernahme überhaupt Sinn macht. Wer eine „Verlustmaschine“ „geschenkt“ bekommt, zahlt meist einen hohen Preis bis hin zur Betriebsaufgabe oder gar Insolvenz.

Natürlich ist das Thema „Bewertung des Unternehmens“ stark emotional behaftet. Die Senioren wollen die Mühen der jahrelangen Unternehmertätigkeit vergütet sehen, sie zählen die Schweißtropfen und verweisen auf die Substanzwerte. Sie wollen nicht „Kasse machen“, sie wollen den Betrieb in guten Händen wissen, die Schulden und die Last der Verantwortung loswerden und eine angemessene Lebenshaltung im Alter gesichert wissen. Allein die Frage nach dem Wert gilt deshalb schon als Ausdruck von Undankbarkeit.

Doch wer diesem Thema zum Zeitpunkt der Nachfolge ausweicht, nimmt wissentlich in Kauf, dass er eine wichtige Weiche in seinem Leben ein für alle Mal falsch stellt, dass er sich wirtschaftlich ruiniert, dass er den Familienfrieden für die Zukunft gefährdet und eine Scheinlösung akzeptiert, bei der das dicke Ende nachkommt. Der Fall Hans Amboss ist beileibe kein Einzelfall.

Deshalb mein Appell an Übergeber wie Nachfolger innerhalb der Familie: Sprechen Sie vorher über die wirtschaftlichen Aspekte der Nachfolge. Scheuen Sie sich nicht, über den Wert des Unternehmens zu reden. Berechnen Sie, wie der Nachfolger die Leistung, die er zu tragen hat, erwirtschaften und bezahlen kann. Eine Nachfolgeregelung beginnt nicht beim Notar – sie endet allenfalls dort.

 

Dieter Lachenmaier
Unternehmensberater
VUN-Profil

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